Prudentia - Klugheit - Vor-Sicht
Fotografie und Allegorie

Von Maria Kreutzer


"Ich muß für den Anfang auf dem einen Punkt bestehen - auf dem Felde des Sehens ist der Blick draußen, ich werde erblickt, das heißt ich bin Bild (tableau)..." (J.Lacan)

In dem Claudia van Koolwijk sich selbst oder andere Personen in ihren Bildern den Allegorien anverwandelt, wendet sie sich gegen die Bestimmung der Allegorie in ihrem traditionellen Sinn. Wortwörtlich heißt »allegorein« »etwas auf andere Weise ausdrücken«. In der Antike wollte man hierdurch Mythen und erzählte Geschichten durch Allgemeingültigkeit beanspruchende Prinzipien ersetzen. Meistens werden weibliche Figuren zu deren Darstellung verwandt. Tugenden und Laster, Prinzipien des Rechts, des Staates und der Moral werden personifiziert. Justitia (Gerechtigkeit), Iniustitia (Ungerechtigkeit), Fides (Glaube, Treue), Prudentia (Klugheit, Vorsicht) usw. werden als Denkmal, Gemälde oder Graphik gezeigt.

Verschiedene Autoren und Autorinnen beschäftigen sich mit der Frage, warum Allegorien meist weiblich dargestellt sind, wo die Frau noch im letzten Jahrhundert aus allen wichtigen öffentlichen Bereichen ferngehalten wurde. Dies scheint erst in zweiter Linie gesellschaftspolitische Implikationen derart zu haben, wie E. Bornemann sie annimmt, wenn er Allegorien als Besänftigungsfunktionen zur Rechtfertigung für die Unterdrückung der Frau sieht (E. Bornemann, Das Patriarchat, FfM 1975, S.367). Mit der These, die patriarchale Gesellschaft brauche weibliche Allegorien, da sie wie die Frauen »das strukturelle Chaos einer ungeordneten Lebenswelt verkörperten« (B.Wartmann), ist ein realer Kern getroffen, insofern das real Weibliche in der abendländischen Kultur als Natur, Chaos, Körper, Maske, Schein, Oberfläche - besonders deutlich in Religion und Philosophie - im Gegensatz zur Wahrheit gedacht wird. Ansonsten hat es nur die Chance, idealistisch überhöht zu werden.

In eben diesem Sinne sind auch die Allegorien zu verstehen. »Weibliches« ist hier immer schon »zweite Natur«, das aber heißt kulturelles Element. Als solches ist es nicht nur der Frau zuzuordnen, sondern ebenso dem weiblichen Anteil des Mannes, vielleicht im Sinne der »Anima«, die über reales Mann- oder Frausein hinausweist. Als »Mangel an Sein« erfahren, ist diese jedoch nicht naturwüchsig zu verstehen, sondern durchaus gesellschaftlich und kulturell begründet. Viele Allegorien sind daher auch historisch mit der Herausbildung des antiken wie des bürgerlichen Staates verknüpft. Um die positiven Eigenschaften eines Herrschers darzustellen, wurde daher häufig auf (weibliche) Allegorien zu seinen Füßen, an seinem Sockel, zurückgegriffen.

Im Barockdrama wurde die Figur des Herrschers oder Tyrannen innerhalb der Temperamentenlehre der Melancholie zugeordnet, die wiederum dem Saturnischen entsprach. Polarität, sich widersprechende Eigenschaften in einer Person sind daher typisch. Beim Machtmenschen zeigt dies sich häufig in etwas Schwankendem, Treulosem in seinem Charakter, da er selbst ja an höhere Gesetze schicksalhaft gebunden ist. Halt sucht der Melancholiker in der Dingwelt, für die geometrische Gegenstände und Meßgeräte signifikant stehen. Auch der Gelehrte und Forschende, jeder genialische Mensch, wurde mit der Melancholie in Verbindung gebracht. Dürer gab diesem Thema symbolische Kraft in seinem bekannten Kupferstich. Gegenstände der reinen, der angewandten und der darstellenden Geometrie - das heißt Zirkel, Schreibzeug, Handwerksgeräte und der polyedische Block beispielsweise werden ins Symbolische gehoben. "Eine saturnische Meßkunst also - das ist der stoffliche Inhalt des Dürerblattes" (Panofsky-Saxl, Dürers Melencolia I, Leipzig 1923).

War die Geometrie von den Griechen bis hin zu Galilei Grundlage eines Weltbildes, das die Erde als feste, unbewegliche Scheibe imaginierte, so wird diese »ideologische Starrheit«, auch nach der Entdeckung des Drehens der Erde um die Sonne, auf den melancholischen Charakter übertragen. Immerhin ist ja auch die Allgemeingültigkeit der Geometrie durch die Algebra nicht aufgehoben, sondern ergänzt. Die Polarität des Saturnischen bringt Dürer durch Jupiter zugeordnete Zeichen zum Ausdruck, durch das magische Quadrat als dessen Planetensiegel wie der Waage als seinem Sternbild. Sollen üblicherweise Allegorien Sinn- und Sinnproduktion auch in ihrer bildlichen Form fixieren, so öffnet die Bildlichkeit des Dürerblattes das Allegorische in vielfache Richtungen. Doch auch für weniger geniale Allegoriedarstellungen vergangener Zeiten gilt, daß ihr Bildliches deren allgemein Prinzipienhaftes überschreitet. Denn obwohl Allegorien traditionell Bedeutungen sind, haben sie als Bilder, die einen Begriff verkörpern sollen, etwas Nicht-Intentionales, Nichtsprachliches.

Dies haben sie mit der Photographie gemeinsam. Und Claudia van Koolwijk unterstreicht dieses Moment, indem sie ihre Photos Allegorien nachstellt und ebenso nennt. Sie führt die Idealisierung des Weiblichen in der klassischen Allegorie ad absurdum. Unbekümmert geht sie mit dem inhaltlichen und formalen Repertoire alter Kunstwerke um. So ersetzt sie in dem Photo »Melancolia« nicht nur die weibliche, sitzende grübelnde Gestalt durch eine männliche. Die Krone des Herrschers ist aus Pappmache, das Gewand des Königs ein wohldrapiertes Bettlaken. Die Gerätschaften, die in Dürers Stich nutzlos am Boden rumliegen, sind penibel gestochen. Bei Claudia van Koolwijk werden sie, noch bevor sie abgelichtet werden, zu an Matisse oder Picasso erinnernden graphischen Mustern. Das gilt auch für die Kugel als Erdsymbol und den Stein als Sinnbild der Trägheit des Herzens, wie für die blaue Fläche, die die Meereslandschaft Dürers, die für die Neigung des Melancholikers zu weiten Reisen steht, ersetzt.

Verkleidung, Ironisierung von Posen, Doppel, Hülle, der für jedes Photo speziell künstlich hergestellte Hintergrund, sind Mittel der Künstlichkeit, Ersatz, wie es das Photo per Definition ist. Ersatz für ein Abwesendes, das als Anwesendes beschworen wird. Diese Künstlichkeit macht den Glimmer, den Glanz aus, durch den Ideales und Konkretes im Sichtbaren versöhnt werden.

So wenig man den Körper auf eine Allegorie reduzieren kann, so wenig läßt sich Bildliches ein für allemal festlegen: denn ihm ist ein Überschuß an Nichteindeutigem wesensmäßig eigen. Claudia van Koolwijks »Allegorien« machen sich von der aus der idealistischen Ästhetik entstammenden Trennung von Oberfläche und Tiefe, Körperlichkeit als Äußerlichkeit und sog. innerem Wesen, Schein und Wesen zugunsten des Scheins frei.

"Durch den Blick trete ich ins Licht, und über den Blick werde ich der Wirkung desselben teilhaftig. Daraus geht hervor, daß der Blick das Instrument darstellt, mit dessen Hilfe das Licht sich verkörpert, und aus diesem Grund auch werde ich - wenn Sie mir erlauben, daß ich mich, wie so oft, eines Wortes bediene, indem ich es in seine Komponenten zerlege - photo-graphiert." (J. Lacan)


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